TA 1675, I, Buch 3 (Malerei), S. 77
Von
Den Affecten oder Gemüts-re-
gungen.
Die Affecten oder Gemütsregungen/ sind in der Bild-Mahlerey zu beobachten: weil sie die Gestalt und Farbe ändern. Angenehme Affecten/ Freude/ Hoffnung/ Liebe: Wirkung derselben im Angesicht. Correspondenz des Herzens mit den Sinnen/ und Geburt der Affecten. Gestalt des Angesichts/ in Freud-Bewegung. Verdrüßliche Affecten: der Zorn/ und dessen Wirkung in der äuserlichen Gestalt: die Traurigkeit/ so die Schönheit tödet; die Furcht/ und Ursach des Aufstehens der Haupt-Haare; die Schamhaftigkeit und Angst/ samt ihren Wirkungen. Neun andere Gemütsregungen. Das Angesicht/ ist des Herzens Uhr-Zeiger: macht die Menschen und Nationen vor einander unterscheiden. Mahlere/ Oratores und Poeten/ haben einerley Zweck ihrer profession. Diese Wissenschaft/ machet einen fürtrefflichen Mahler.
Die Affecten oder Gemütsregungen/ sind in der Bild-Mahlerey zu beobachten:DEr kunstreiche Mahler/ soll nicht allein wol verstehen/ die vier Complexionen oder Natur-Arten des Menschen/ als Sanguineo, Cholerico, Phlegmatico und Melancholico, sondern auch/ wie und warum sich die unter einander vermischen. Die Wirkungen derselben/ werden ingemein die Affecten oder Gemüts-regungen genennet: weil sie/ wie die leibliche weil sie Gestalt und Farbe ändern. Zufälle dem Leib/ das Gemüt afficiren und bewegen. Diese Wissenschaft/ ist in unserer Kunst nicht zu verunachtsamen: sintemal dieselbe nicht geringe Veränderungen des Angesichts und der Gestalt des Menschen/ auch der Farbe/ verursachen.
Dergleichen Affecten sind die Freude/ Hoffnung Angenehme Gemütsregungen/ Freude/ Hoffnung und Liebe: deren Wirkung/ im Angesicht. und Liebe. Durch diese/ wird die natürliche Wärme/ samt den Geistern/ entweder langsam und allgemach/ oder aber schnell und geschwind/ zu Niessung
Il s’agit certainement du terme Geniessung au lieu de Niessung ; dans l’édition latine, le terme ad fruitionem est utilisé. der gegenwärtigen oder künftigen/ verlangten Dinge/ in den ganzen Leib ausgespreitet. Dann hierbey thut das Herz sich auf/ dem jenigen/ was es begehrt/ zu begegnen und es zu umfahen. Das ganze Angesicht wird erhöhet/ mit einer schönen Rosenfarbe. Dann das Herz/ welches mit den Correspondenz des Herzens mit den Sinnen/ und Geburt der Affecten. Sinnen in genauer Correspondenz stehet/ wann diese ihm die Gegenwart des verlangten Dinges/ ansagen/ sendet die dadurch aufgeregte Wärme in das Angesicht/ als den Sitz der Sinnen/ und verursacht damit eine Röte. Dann solche Gegenwart/ wird erstlich durch die Augen ersehen/ durch die Ohren vernommen/ mit Händen betastet/ und durch andere äuserliche Sinnen ergriffen/ und tritt zugleich durch diese Pforten in den innerlichen Sinn und Verstand: welcher es also fort dem Herzen ansaget. Dieses alles geschihet in einem Augenblick/ und ist hieraus die Geschwindigkeit der Lebens-geister mit Verwunderung zu beobachten.
Auf solche weise/ wird die Physiognomia durch die Affecten/ verändert/ die Gemütsregung
aber durch äuserliche Objecten oder Gegenstände verursachet. Der Verstand beurtheilet/ was die Sinnen ergriffen/ und durch die Einbildungs-Kraft ihme zugesendet/ ob es gut oder böse sey: daraus dann Freude oder Verdruß entstehet. Daher wird nicht bald ein vernünftiger Mensch lachen/ es sey dann/ daß eine That oder Gespräch/ so ihm darzu Ursach gibt/ vorher gehe. Nachdem die Einbildungs-Kraft eine Form oder Gestalt des Dings/ so etwan erfreuen kan/ empfangen und gefasset hat/ bewegt und treibt sie das Herz: welches in dieser Bewegung sich gleichsam aufthut/ den erfreuten Gegensatz
Da dieser Begriff in der lateinischen Edition an der entsprechenden Stelle nicht verwendet wird (vgl. Sandrart, Academia 1683, Kap. IV, S. 11) , geht Michèle-Caroline Heck davon aus, dass es sich hier um einen Fehler Sandrarts handelt, vgl. den Kommentar von Michèle-Caroline Heck in der französischen Übersetzung. zu umfahen. Unterdessen wird/ durch diese Eröffnung des Herzens/ die natürliche Wärme/ samt den Geistern und dem Geblüte/ haufen-weis in den ganzen Leib ausgebreitet. Weil nun der meiste Theil dieser Wärme/ Geister und Geblüts/ Gestalt des Angesichts/ in Freudbewegung wie erwehnet/ zu dem Angesicht aufsteiget/ blehet sich dasselbe gleichsam auf und wird erweitert: die Stirn/ wird heiter/ glatt und frech; die Augen schimmern/ und werden hell; die Backen erröten/ als wann sie mit Zinober gefärbet wären; die Leffzen ziehen sich ein/ werden gleich und eben. Bey etlichen/ bekommen die Wangen oder Backen zwey kleine Grüblein: das geschihet/ wegen Zusammenziehung des Fleisches oder der Meuse an selbigem Orte. Und dieses alles/ ist wol zu beobachten.
Verdrüßliche Affecten: der Zorn; Unter den verdrießlichen Affecten/ ist der fürnehmste/ der Zorn: der zerstreuet
Audegat (augmente) est utilisé dans l’édition latine. auch die natürliche Wärme in dem Menschen/ aber viel geschwinder dessen Wirkung in der äuserlichen Gestalt; und ungehaltener/ als die Freude. Dann durch diesen/ werden die Feuchtigkeiten und Geister oftmals dermaßen entzündet/ daß davon die äuserliche Gestalt ganz glut-roht wird/ oder wol gar verbleichet. Da erscheinen feurige Augen/ ein Zusammenbeißen und knirschen der Zähne/ eine niedergezogene Stirn/ und ein zittrender Mund/ mit grimmigen Löwen-Gebärden.
die Traurigkeit/ Die Traurigkeit/ treibet das Herz in die Enge zusammen/ und macht die natürliche Wärme fast
