TA 1675, II, Vorrede, S. 2
machet/ wie sie/ dem Schöpfer glüklich nachahmend/ die äuserliche Bildnis eines Menschen auf die Fläche bringen sollen.
Bau- und Bild-künstlere vor der Sündflut: Cain, Tubalcain, Von den Künsten der ersten Welt vor der Sündflut/ ist zwar nichtes aufgeschrieben/ ausser daß Cain eine Stadt gebauet/ und Tubalcain, sein UrEnkels-UrEnkel/ ein Meister in allerhand Erz- und Eisenwerk gewesen: Woraus abzunehmen/ daß sie die Bau-und Bild-Kunst nach und nach ergriffen/ und gleichwie in Erz/ also auch in Holz und Steinen/ gekünstelt/ geschnitzelt/ gehauen und gemahlet haben. Es bezeuget auch des zweyten und Noah. Welt-Vatters Noah Kasten-Bau/ daß damals die Bau-Kunst schon sehr bekandt gewesen. Und/ wie hätten sie/ hundert Jahre Die Thurn-Bauleute nach der Sündflut/ nach der Sündflut/ zu Babel den Thurn/ dessen Spitze an den Himmel reichen sollen/ recht anlegen können/ wann sie nicht die Bau-Kunst aufs bäste verstanden/ und aus dem Noah-Kasten mitgebracht hätten.
Auf diese Thurn-Bauleute folgte nachmals Nimrod, der Nimrod/der/ im Lande Sinear oder Chaldea/ die Stadt Babel/ neben noch andern dreyen/ zu bauen angefangen: welche Assur und nachmals Assur, sein Reichs-Nachfolger/ und dessen Schwieger-Tochter/ die grosse Semiramis. Königin Semiramis, so herrlich ausgebauet/ daß die Mauren zu Babel ein Kunst-Wunder-Stuck der Welt genennet worden.
Die Bezeichnung als eines der Weltwunder findet sich bei Vasari noch nicht; vgl. Klemm, Notizen zu TA 1675, II, Vorrede, S. 2. Kein Zweifel ist/ daß sie/ neben dem Bauen/ sich auch auf das Bilden/ die Gebäude damit aus zu zieren/ verleget: massen Diodorus von dieser Königin schreibet/ daß sie nicht allein Die erste Bilder/ unterschiedliche Thiere; sondern auch sich selbst/ samt ihrem Gemahl Nino, auch dessen Vatter und Mutter/ bilden und ausstellen lassen/ um dardurch ihr Gedächtnis den Augen der Nachwelt zu hinterlassen: welches dann auch einer von den vornehmsten Ziel-Zwecken dieser Künste ist. Es ist aber dieses nachgehends bringen den Götzendinst auf. zur Abgötterey und zum Götzendienst gedien/ da diese viere/ unter dem Namen Beli oder Saturni und Jovis, auch der Juno und Opis, von den Nachkommen/ als Götzen-Bilder/ Die Chaldeer der Bilderey Erfindere. angebetet worden. Die Chaldeer haben nachmals diesen Bilder-Dienst fortgesetzet/ und das Bild der Sonnen/ unter dem Namen Oromasda
Sandrart stellt diesen Abschnitt im Vergleich zu Vasaris Text leicht um und strafft ihn zugleich etwas. Die Passage um das Grab des Königs Osymandyas (der Totentempel von Ramses II, das sog. Ramesseum), den Sandrart hier vermutlich meint, liest sich bei Vasari folgendermaßen: »Né forono però soli i Caldei a fare sculture e pitture, ma le fecero ancora gli Egizzii, esercitandosi in queste arti con tanto studio quanto mostra il sepolcro maraviglioso dello antichissimo re Simandio, largamente descritto da Diodoro, e quanto arguisce il severo comanda mento fatto da Mosè nello uscire de l’Egitto, cioè che sotto pena della morte non si facessero a Dio imagini alcune.« (Vasari, Le Vite 1568, Proemio delle vite, hier zitiert nach der Ed. Bettarini/Barocchi, vgl. Online-Ausgabe SNS, Bd. II, S. 5 [Accessed: 2011-11-04. Archived by WebCite® at http://www.webcitation.org/62wbkMsUw])., aufgestellet: Massen auch der Laban seine eigene Teraphim und Haus-Götzen gehabt/ welche ihm seine Tochter/ die Rahel, nach Canaan entführet. Weil nun die Chaldeer Zweifels frey auf schöne Bilder/ solche in ihre Tempel zu stellen/ sich beflissen: als kan ihnen mit Recht die Bilderey-Erfindung zugeschrieben werden.
Die Egypter trieben diesen Bilder-Dienst gleichsam mit den Chaldeern in die Wette/ und machten ihren Mizraim und Nimrod, samt dessen Schwester und Sohne/ zu Göttern/ unter dem Namen Typhon, Osiris, Isis und Orus, die zwey mittlere zu Sonn und Mond machend: wiewol sie hierbey auch die Thiere/ sonderlich einen Ochsen/ und die
Die Egyptier haben anfangs nichts künstliches gebildet. Pflantzen angebetet. Daß sie aber anfangs viel Fleiß auf die Bilderey-Kunst gewendet/ ist nicht zu glauben. Wie dann aus Laurentii Pignorii, eines Paduaners/
Characteribus Aegyptiis zu ersehen/ daß sie mehr monstrose unformliche und langseitige/ als künstliche Bilder erfunden/ und ihre Mahlerey in bloßen/ plumpen/ wunderseltsamen Strichwerken bestanden/ der jenigen gleichend/ die man heutiges Tages Grottesche nennet. Sie mögen ja nach der Zeit die Kunst bässer begriffen haben/ wie dann Diodorus das uralte Begräbnis des Königs Simandio rühmet/ deme die folgende Könige mit ihren Pyramiden/ und herrlichen Tempeln/ nachgeahmet: wiewol jene von den Scribenten insana opera, grosse unvernünftige Gebäude/ genennet worden.
Weil das Israelitische Volck in Egypten bey dem Bilder-Dienste sich eine lange Zeit befunden/ als hat ihnen GOtt/ gleich nach ihrem Auszug aus Egypten/ mit seiner Donner-Stimme vom Berg Sinai/ ernstlich verbotten/ daß sie kein Bild machen solten/ dasselbe Israelitische Bild-Künstler: anzubeten.
Vasari erwähnt an dieser Stelle, dass dieses göttliche Gesetz durch Moses verkündet und deren Einhaltung durch Todesstrafe gesichert wurde (vgl. Vasari, Le Vite 1568, Proemio, überprüft anhand der Ed. Bettarini/Barocchi, vgl. Online-Ausgabe SNS, Bd. II, S. 5 [Accessed: 2011-11-04. Archived by WebCite® at http://www.webcitation.org/62wbkMsUw]); vgl. Klemm, Notizen zu TA 1675, II, Vorrede, S. 2. Sie haben aber gleichwol/ nicht lang hernach/ in selbiger Wüsten/ ein güldenes Kalb/ nach dem Gleichnis des Egyptischen Götzen-Ochsens Apis oder Serapis, Aaron,aufgestellet/ welches Aaron erstlich mit einem Griffel entworfen/ oder gezeichnet/ und hernach gegossen. Daß aber GOtt ihnen nicht eben das Bilden und Mahlen/ sondern allein dessen Mißbrauch/ das Anbeten der Bilder/ verbotten habe/ erscheinet daraus/ weil er den Bezaleel und Ahaliab. Bezaleel, Ahaliab und andere Weisen (wie er selbst zu Mose diese Wort gebrauchet/) mit seinem Geist/ mit Weißheit/ Verstand und Erkäntnis erfüllet/ künstlich zu arbeiten am Golde/ Silber und Ertz/ Steine zu schneiden/ am Holze zu zimmern/ daß die Stifts-Hütte/ die Bunds-Lade mit ihren beyden Cherubim, samt anderm Geräthe/ durch sie möchte verfärtiget werden.
Nach den Ausführungen zum Götzendienst wird der biblische Bericht nun mit den Kunsthandwerkern Bezaleel und Aholiab angeführt, um deutlich zu machen, dass nicht das Fertigen von Statuen, sondern lediglich ihre Anbetung sündhaft sei. Die in der Bibel beschriebene göttliche Inspiration des Künstlers dient als weiteres Argument zur Verteidigung der Bildhauerei; vgl. Vasari-Kunstgeschichte und Kunsttheorie 2004 (dt. komment. Übers.), S. 124, Anm. 81. Von den Egyptern und Orientalischen Völckern haben nachmals die Griechen diese Künste erlernet/ und solche zu mehrer perfection erhoben: Wie dann der Poëten Fürst Homerus, mit seinem Schreib-Griffel/ den Schild Achillis mehr ausgemahlet/ als beschrieben/ woraus abzunehmen/ daß dazumahl/ nämlich Anno Mundi 3000. die Sculptura und Mahlerey-Kunst schon in ihrer Vollkommenheit gewesen.
Diese Passage ist bei Vasari leicht abweichend; Sandrart verzichtet auf den Hinweis auf Prometheus (vgl. Vasari, Le Vite 1568, Proemio, überprüft anhand der Ed. Bettarini/Barocchi, vgl. Online-Ausgabe SNS, Bd. II, S. 6 [Accessed: 2011-11-04. Archived by WebCite® at http://www.webcitation.org/62wbtvInh]); siehe Klemm, Notizen zu TA 1675, II, Vorrede, S. 2.
Gyges Lydius in Egypten thäte die erste Zeichnung/ Nach der Aussage
Plinii, lib. 35. ist Gyges Lydius in Egypten der erste gewesen/ der ein Bild gezeichnet. Er soll hierzu veranlasset worden seyn/ als er/ beym Feuer stehend/ seinen Schatten ersehen: da er dann/ mit einer Kohle/ an der Wand sich selber abgerissen.
Also haben auch andere von dem Schatten derer/ so in der Sonne stunden/ die äuserste Linien abgezeichnet/ wie Quintilianus schreibet/ und das/ mit Lit. B. bezeichnete und hie beygefügte/ Kupferblat weiset. Solche waren deme andere gefolgt/ Philocles der Egypter/ die Corinther Cleanthes und Ardices, und Telephanes der
