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TA 1675, I, Buch 3 (Malerei), S. 73

Linke Spalte

Die neue gerechte Manier zu mahlen/ ist feistlich/ Neue rechte Manier zu mahlen. mürb/ glatt und und meisterhaft Ajout dans l’édition latine : adeoq. quasi vivam repraesentare effigiem (jusqu’au point de représenter la figure quasi vivante).Michèle-Caroline Heck, 25.02.2009/ weiß die Farben wol zu regiren/ die große Flacken warzunehmen/ wol zu rundiren/ und zwischen beeden die mezze tinten oder halbe Schatten wol zu halten Hier bezieht sich Sandrart auf die detaillierteren Angaben bei van Mander, dessen 28. Vers Sandrart auslässt. Darin beschreibt Mander wie man eine Säule durch zwei Punkte in drei Teile teilt, um die größte Helle neben den dunkelsten Ton zu setzen und durch diese Farbverteilung die harte Konturierung zu vermeiden (vgl. Mander, Schilderboek, Van wel schilderen, oft Coloreren. Het twaelfde Capittel, überprüft anhand der Ausgabe von 1604, vgl. Online-Ausgabe DBNL, fol. 48v [Accessed: 2011-11-07. Archived by WebCite® at http://www.webcitation.org/630ykFnLL]); vgl. Klemm, Notizen, zu TA 1675, I, Buch 3 (Malerei), S. 61, Anm. 6 und S. 73, Anm.2.Christina Posselt, 27.04.2011. Dieses letzere gibt der Rundirung ihre Kraft/ zumal wann die Farben nicht blau/ matt und bleich/ als wären es Wasserfarben/ oder Miniatur, sondern glühend/ stark/ warm/ und dem Fleisch Mander spricht hier explizit von »incarnaten« (siehe Mander, Schilderboek, Van wel schilderen, oft Coloreren. Het twaelfde Capittel, hier zitiert nach der Ausgabe von 1604, vgl. Online-Ausgabe DBNL, fol. 49r [Accessed: 2011-11-07. Archived by WebCite® at http://www.webcitation.org/630ykFnLL]), vgl. Klemm, Notizen, zu TA 1675, I, Buch 3 (Malerei), S. 73, Anm. 4.Christina Posselt, 27.04.2011 gleich/ Vom Wohlcoloriren; angelegt werden. Es sollen auch allezeit die Coloriten C’est ce que Sandrart dans l’édition latine appelle peindre avec des couleurs élegantes (cum elegentia colorum).Michèle-Caroline Heck, 25.02.2009/ in ihrer qualitet/ den Schatten/ wie ihn das Liecht vorstellet/ vereinbaren. Man mus auch wol unterscheiden die alte Personen/ die Farben mit unterscheidung der Personen. des Angesichts/ der Leiber und Hände/ an Alten und Jungen. Die Mannsbilder müßen härter colorirt werden/ als zarte Weibsbilder und Kinder. Also/ die stets in der heißen Sonne arbeiten/ oder sonst hartem Luft untergeben sind/ oder auf dem wilden Meer schiffen/ bey denen soll gelb/ schwarz/ braun und roht/ nicht gesparet werden. Sandrart kürzt eine Passage von Mander, in der er u. a. mit Bezug auf Vasari einige Werke Raffaels (»Petrus Martyr«, »Transfiguration«) als Beispiele für diese Art der Kolorierung anführt (vgl. Mander, Schilderboek, Van wel schilderen, oft Coloreren. Het twaelfde Capittel, überprüft anhand der Ausgabe von 1604, vgl. Online-Ausgabe DBNL, fol. 49v [Accessed: 2011-11-07. Archived by WebCite® at http://www.webcitation.org/630ykFnLL]); vgl. Klemm, Notizen, zu TA 1675, I, Buch 3 (Malerei), S. 73.Christina Posselt, 27.04.2011 Den Kienruß’ Kienruß Fuligo taedarum en latin.Michèle-Caroline Heck, 25.02.2009 mus man in allem/ was von Oelfarben ist/ vermeiden: dann er verstirbet/ und machet andere Farben zu hart/ worunter er gemischet worden. und Smalten/ sind böse Farben. Also ists auch mit dem Smalten Coeruleum cobaltum ou smalta vulgo en latin, silicate bleu de cobalt ou bleu d’azur.Michèle-Caroline Heck, 25.02.2009 gefährlich: auser in großen liechten Luften/ wann er mit viel Weiß auch Nußöl untermischet/ und wann mit sauberem Pensel gemahlet wird: dann mit andern gelblichten Farben zuviel vermischet/ verursacht er auch das versterben.

Durch Abcopiren und Nachahmen/ gelanget man zur Vollkommenheit. Endlich durch Abcopirung der bästen modernen Gemälde/ worinn sich alle diese Dinge erzeigen/ kan man die bäste Manier/ und einen wolfliessenden Pensel ergreiffen: ist also die imitation und Nachahmung/ der sicherste Weg/ in diesen (gleichwie auch in andern) Studien zur perfection zu gelangen. Pour la différence entre copie et imitation voir Heck 2006, pp. 132-135.Michèle-Caroline Heck, 23.06.2010

Der Mahler/ soll in seinen Werken keinen Fehler dulten;Wir wollen/ diesem Discurs, noch etliche gute Lehren und Vermahnungen für unsere Virtuosen anhängen. Wann der Kunstmahler einen Fehler in seinem Werk vermerket/ oder dessen von andern erinnert wird: soll er nicht thun/ wie die unvernünftige Mütter/ die auch die Torheiten an ihren Kindern lieben und loben. Anstelle dieses Einschubs heißt es bei Leonardo, dass der Künstler sich nicht bei sich selbst entschuldigen und sich nicht einreden solle, beim nächsten Werk die Fehler zu vermeiden: »[…] non ti scusare da te mesdesimo, persuadendoti di restaurare la tua infamia nella succedente tua opera« (vgl. Leonardo, Trattato (1651), Kap. XIV, Del corregger gl’errori che tu scuopri, hier zitiert nach der Ausgabe Leonardo, Trattato 1651 (ital. Editio princeps Du Fresne), S. 73; siehe Klemm, Notizen, zu TA 1675, I, Buch 3 (Malerei), S. 73).Christina Posselt, 02.05.2011 Dann ein Strich des Pensels stirbet nicht gleich in der Geburt/ wie die Stimme der Musik und Harmonie, da der Lebensschall mit dem Todes-Hall verbrüdert ist/ sondern er lebet und währet viel Jahre/ und zeiget die Fehler allezeit/ zu schmach der Hand/ die solche begangen. Und ist

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das keine Entschuldigung/ wann einer sagen wolte/ die Noht hätte ihn getrieben/ sich damit zu übereilen/ weil die Lebensmittel schlecht und die Zeit seiner Studien gering gewesen: dann hiermit würde er sich nur mehrers beschuldigen. Tugend und Wissenschaft/ ist der Weg zur Nahrung des Leibes und der Seele/ welche nicht eben in allem Uberfluß bestehet. Wieviel sinnreiche Philosophen und Weltweise/ sind reich von Mitteln gebohren worden Le latin est plus explicite : parentibus opulentoribus (nés de parents riches).Michèle-Caroline Heck, 25.02.2009: und haben doch solche verlassen/ damit sie nicht von denselben verstricket und gefässelt werden/ sondern desto färtiger der Tugend nachwandeln möchten.

soll nicht seinem/ sondern anderer/ Urteil trauen.Kein ding ist/ das den Menschen mehr betrieget/ als das eigene Urteil/ und die Selbst-Liebe/ die alles sein Thun gut-heisset La construction rhétorique et la même qu’Alberti qui asscocue manière de peindre et jugement, De Pictura, Livre III, n° 62. Voir aussi Léonard 1651, chap. 14, 15, 19; Heck 2009(c), pp. 383–385.Michèle-Caroline Heck, 23.06.2010. Das bäste Urteil ist/ das man von andern/ ja gar von Feinden holet: weil auch die Freunde/ aüs Beyfälligkeit und guter affection, ein Werk für vollkommener ansehen/ als es ist/ liebkosen und lobsprechen/ und nicht die Warheit/ sondern was lieblich in den Ohren klinget/ aussagen. Er mus sich ganz nicht verdriessen lassen/ das Urtheil eines jeden anzunehmen. Und wann gleich andere keine Mahler sind/ so haben sie doch Verstand und Wissenschaft von des Menschen Gestalt und Natur-wesen: daher ihnen erlaubt ist/ von den Werken/ die der Natur nachahmen/ zu urtheilen.

Wer eine Kunst üben will/ mus sie wissen und können.Wer in dieser und andren Künsten etwas löbliches thun will/ der mus sie zuvor recht erlernen. Kunst/ hat ihren Namen vom können Sandrart rapproche Kunst (art) de können (pouvoir). Dans l’édition latine scientia a sciendo nomen habet, [ajout] et ars Graecis ab operando cognominature : unde scientia opus est cum operatione conjuncta, si quis digne accedere vult ad praxin sui studii.Michèle-Caroline Heck, 25.02.2009: man mus können und kennen/ was man practiciren will. Die ohne Wissenschaft herein platzen/ sind wie die Schiffleute/ die auf das hohe Meer sich begeben/ und doch vorher mit Segeln oder Steurruder sich nicht versehen haben/ auch daher der gewißen Gefahr in die Arme fahren.

Der Mahler soll mehr bey der Natur/ als bey andern/ zur Schul gehen.Ein Mahler/ der mit Verstand und Sinnreichtum versehen ist/ mus sich nicht eben an eines andern Manier binden/ demselben allerdings nachzufolgen: dann also würde er/ nicht ein Sohn/ sondern ein Enkel oder Vetter der Natur seyn. Da er den großen Schauplatz der Natur vor sich hat/ warum wolte andern in die Winkel nachlaufen/ die auch allein von ihr gelernet? Man schöpfet das Wasser reiner und bässer aus den Quellbrunnen/ als aus Bächen oder Cisternen/ die von dannen geronnen sind. Es hat ein jeder die Freyheit/ in der Natur zu studiren.