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TA 1675, I, Buch 3 (Malerei), S. 72
Spaltenübergreifend
Das VII Capitel.
Vom Wohl-Mahlen.
Innhalt.

Die Zeichenkunst und Mahlerey/ vergleichen sich/ wie Leib und Seele; wie die Musik und Poesie. Zweyerley Process im Mahlen: mit freyer Hand/ und nach dem Vor-Riß. Unsrer Teutschen mühsames Sauber-Mahlen: das ist rühmlich/ wann Geist darbey ist/ und die Ferne nichts benimmet. Titians Rauh-Mahlen: dem wird übel nachgeahmet. Gute Mahlerey mus mühsam seyn/ und doch nicht also scheinen. Die Manier sauber zu mahlen/ die bäste. Vom Nähe= und Ferne-Mahlen. Die Schärfe/ ist zu vermeiden. Neue rechte Manier zu mahlen. Vom Wohl-coloriren; mit unterscheidung der Personen. Rienruß und Smalten/ sind böse Farben. Durch Abcopiren und Nachahmen/ gelanget man zur Vollkommenheit. Der Mahler soll/ in seinen Werken/ keinen Fehler dulten/ und nicht seinem/ sondern anderer Urtheil trauen. Wer eine Kunst üben will/ mus sie wissen und können. Er soll/ mehr bey der Natur/ als bey andern/ in die Schule gehen.

Linke Spalte

Die Zeichenkunst und Mahlerey/ vergleichen sich/ wie Leib und Seele; ES ist/ zwischen der Zeichenkunst und Mahlerey/ eine Vergleichung/ wie zwischen Leib und Seele: weil/ durch die Farben/ die todte Striche der Zeichnung erst recht auferwecket/ rührend und lebendig gemacht werden. Also werden auch diese beyde Künste/ von den Poeten/ der Sing= und Reim-Kunst verglichen: wie die Musik und Poesy weil die Poesy der Musik/ wie das Mahlen der Zeichnung/ die Seele gibet/ und durch die Coloriten das Strichwerk/ ja so schön/ als der Gesang und Kunstklang durch geistige Reimgedichte/ gezieret und gleichsam belebet wird.

Zweyerley Process im Mahlen: mit freyer Hand/ Es gibt wackere Geister/ welche/ als wol experimentirt und erfahren/ ihnen eine Ideam von jeder Sache gleich einbilden/ und dieselbe/ ohne fernere Mittel/ ausmachen können. Solches aber ist nicht eines jeden Thun/ sondern eine absonderliche Gabe von meisterhaftem Verstand: mag auch nur geschehen bey kleinen Werken von wenig Bildern oder stillstehenden Sachen/ daran nicht viel gelegen ist.

und nach dem Vor-Riß. Andere sind/ die mit viel Arbeit und Bemühung sich setzen/ und ihre Meinung/ was sie in Gedanken gefasset/ mit Kreide oder Bleyweiß auf Papier zeichnen/ hernach auf ein mit einer ölichten Farb gegründtes Tuch/ den Umriß/ samt aller Zugehör/ auftragen/ folgends wol betrachten/ und mit todten Farben (welches man Untermahlen nennet) die noch-befindliche Fehler ausbässern/ heissen/ und endlich/ wann es wol trucken/ mit Fleiß übermahlen und ausmachen. Solchen Process halten auch die Italiäner/ sonderlich wann sie nicht in fresco arbeiten: davon ein mehrers in vorhergehenden Unsrer Teutschen mühsames Sauber-Mahlen: Capitlen Capiteln erwehnet worden. Unsere Teutsche/ haben mit sonderbarer Arbeitsamkeit/ ihre Werke volbracht: wie zu sehen in den Stucken Albrecht Dürers/ Holbeins/ Lucas von Eych Dieser Verweis besitzt mehrere Ziele:
Eyck, Jan van
Leyden, Lucas van
Aus Sandrarts Quelle, van Manders Het Schilderboek XII, fol. 19, geht hervor, dass es sich bei dem hier als »Lucas van Eych« bezeichneten Künstler eigentlich um die beiden Maler Lucas van Leyden und Jan van Eyck handelt (vgl. Miedema 1973, Bd. II, S. 598).
(Saskia Schäfer-Arnold, 10.12.2009)
/ und anderer/ in welchen/ auch die geringste Haare ganz klar und rein ausgebildt erscheinen; das dann in der Nähe wol zu sehen ist. Diese Sauberkeit ist löblich/ und

Rechte Spalte

macht sich dem Gesicht je länger je mehr gefällig: das ist rühmlich/ wann Geist dabey ist/ und die Ferne nichts benimmet. zumahl wann gute Manier/ Geist und Dapferkeit dabey/ und wann alles auch in der weite recht zu erkennen ist. Dann wann solche Stucke auf die Ferne nichts verlieren/ mögen sie wol vor sonders ruhmwürdig gehalten werden. Also beflisse sich/ in seiner Jugend und besten Zeit/ der berühmte Titian, alles sauber und also zu mahlen/ daß es sich so wol in Titians Rauh-Mahlen: die weite als nähe/ gefällig sehen ließe. Aber in seinen letzten Zeiten und Jahren/ mahlte er sehr rauh/ mit vielen Farben beschwert: welches in der Nähe nicht/ aber nur von weitem/ sehr wol gestanden. dem wird übel nachgeahmet. Solcher Manier/ haben sich auch andere bedienen und gebrauchen wollen: aber sie verderbten ihre Arbeit/ zu ihrem großen Schaden. Dann sie vermeinten/ daß sein Gemähl ohne viel nachsinnen und Arbeit leicht hinweg geschehe: da er doch die äuserste Kräften des Verstands weit mehr/ als andere urtheilen können/ daran gestrecket. Und diß ist Gute Mahlerey mus mühsam seyn/ und nicht also scheinen. die wahre und beste Manier/ ein vollkommenes Werk zu machen/ wann alles mit großer Mühe vollbracht wird/ und es gleichwol also in die Augen fället/ als ob es ohne Bemühung geschehen wäre: dann solche Stucke sind gemeinlich geistreich/ und lebendig.

Diese beyde Manieren/ habe ich/ der Kunstliebenden Jugend zu gefallen/ also Exempel-weis erzehlen wollen: damit sie ihnen hievon/ nach ihrem Geist und Verlangen/ die angenehmste erwehlen können. Mein Raht aber ist/ daß man sich zu der Die Manier sauber zu mahlen/ die bäste.ersten saubern Manier gewöhne: weil/ mit zuwachsenden Jahren und Alter/ aus Mangel des Gesichts/ die Rauhigkeit ohne das selber sich nach und nach einfindet. Sonsten ist vorhin bewust/ daß Vom Nähe und Ferne-Mahlen. diß/ was klein und in der Nähe ist/ mehr Sauberkeit erfordere: hingegen was weit aus dem Gesicht stehen soll/ etwas rauher/ groß/ mit vielen Farben und mehrerm Geist kan gestaltet werden. Wann die Seiten oder Ecken der Bilder mit scharffen Die Schärfe ist zu vermeiden. Liechtern beschnitten/ stehet es hart und rundet sich nicht: welchen Fehler viele unter den Alten begangen.