TA 1675, II, Vorrede, S. 1
Der ur-alt-berühmten
Egyptischen/ Griechischen und Römischen
Ersten Kunst-Mahlere
Leben und Lob.
IN den meisten und ältesten Scribenten findet man durchgehends diese Meinung/ daß die ädle Bildhauerey und Mahl-Kunst anfänglich von den Egyptern solle erdacht und erfunden worden seyn: Wiewol auch andere sind/ welche die Aushauung/ oder die Ausarbeitung des Marmors/ auch die Aufstellung der Statuen/ den Chaldeern/ wie auch die Colorirung der Gemälde und Führung des Pinsels/ den Griechen/ als Erfindern/ heimschreiben.
Damit man aber recht aus dem Grund von Der erste Erfinder der Bildhau- und Mahlerey-Kunst/ ist GOtt/ der Schöpfer aller Dinge. der Sache rede/ so ist der ur-erste Erfinder/ wie alles Guten/ also auch dieser Künste
Vasari geht an dieser Stelle zuvor auf den Disegno als Vater der Künste ein: »io dirò bene che dell’una e dell’altra arte il disegno – che è il fondamento di quelle, anzi l’istessa anima che concèpe e nutrisce in se medesima tutti i parti degli intelletti« (vgl. Vasari, Le Vite 1568, Proemio, hier zitiert nach der Ed. Bettarini/Barocchi, vgl. Online-Ausgabe SNS, Bd. II, S. 3 [Accessed: 2011-11-09. Archived by WebCite® at http://www.webcitation.org/634Wy514w]). Nicht nur diese Stelle, auch insgesamt reduziert Sandrart die intellektuelle und platonische Vorstellung von Vasaris Disegno; vgl. Klemm, Notizen zu #x198./ der Allerhöchste GOtt und Schöpfer Himmels und der Erden. Dieser grosser Bau- und Erz-Meister aller Dinge/ hat erstlich/ durch sein Wort und Geist/ das Liecht hervorgebracht/ und damit die finstere Tieffe des ungeformten Chaos beleuchtet. Nach diesem hat er den erschaffenen Himmel mit hellgläntzenden Liechtern/ und die Erde mit tausendfärbigen Baum-
Blüten/ Kräutern und Blumen/ gezieret/ auch alles in Liecht und Schatten/ zur allerschönsten Vollkommenheit/ eingerichtet/ und Die Erde das erste vollkommenste Gemälde. an der Erde/ durch Erhöh-und Vertieffung der Berge und Thäler/ den herrlichsten Bau vorgestellet/ und also eine vollkommene Zeichnung und Mahlerey in die Natur geleget.
Nachdem er hierauf die Thiere in tausenderley Arten hervorkommen lassen/ hat er Der Mensch die erste und bäste Statua. endlich den Menschen/ die erste und allerfürtrefflichste Statue, aus einem Erd-Klosse/ plasmiret und gebildet/ und dardurch ein gewisses und unfehlbares modél, Idea und exemplar der Bildhauerey aufgestellet. Er hat/ indem er dieses Wunder-Bild aus unformlichem schlechtem Stoff gestaltet/ damit den Weg und die Manier zeigen wollen/ wie man das untüchtige und geringe empor und zu Nutzen/ auch durch Zusatz und Erhebung zur perfection und Vollkommenheit/ bringen möge. Hiernächst hat er auch/ dieses sein Meister-Stuck/ mit schönster lebhaffter Farbe coloriret und vermahlet; welcher sein Kunst-Pinsel nun allen Mahlern die Hand führet/ und sie durch die Augen zum Nachsinnen fähig
