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TA 1675, I, Vorrede, S. 3

Linke Spalte

Leinwat/ Glas und Stein? Kommen sie nicht von mir/ der Pictura? Woher rühren die vortrefliche Miniaturen/ das Mosaische Glasmahler-Werk/ die zu Kupfer gebrachte Kunst-Stiche/ das rare Schmelz-Werk der Gold-Künstlere/ und noch andere unzählbare/ die hier/ geliebte Kürze zu halten/ unbenennt bleiben? Kommen sie nicht von mir/ der Pittura?

Daß aber die Werke der Scultura eine mehrere Langwürigkeit/ als die Pictur, in sich haben/ solches wirket allein der Stoff/ in welchem sie arbeiten/ und ist hiervon keine Langwürigkeit gibt keinen Vorzug. Praeeminenz oder Adel her zu nehmen: weil folglich auch ein alt-belebter Bauer einem in jungen Jahren verstorbenen Käyser/ eine Fichte oder Dannenbaum allen köstlichen Pflanzen/ ein Hirsch oder sonst langlebiges Thier/ dem Menschen/ müste vorgezogen werden. Uber das ist mir auch wol bewust/ daß in Rom Bildniße auf Mosaische Art gemahlet zufinden sind/ welche das Alter aller Statuen und Colossen mit ihrer Langwürigkeit übertroffen.

Was aber die Mänge und Vielheit der Mahler/ und im Gegensatz die kleine Anzahl der Bildhauer berühret/ so folgert es sich hieraus nicht/ daß zu der Scultur sinnreichere Ingenia und mehr-begeistete judicia erheischet werden: sondern es entstehet solches Warüm der Bildhauer wenig sind? allein daraus/ daß zu unseren Zeiten wenigere Liebhaber der Scultur, so die Kosten darauf wenden/anzutreffen/ daher die Kunstfähigen/ aus Mangelnötig- und anständiger Nahrungs-Mittel/ in eine andere Zunft treten müßen. Es ist auch nicht so leicht/ ein Stuck nach dem andern/ von kostbaren Steinen/ von der Hand zu werffen/ weil sie in hohem Die Bildhauer Kunst mus durch stätige Ubung begriffen werden Wehrt bestehen: maßen auch ohn stätige Practica und Ubung/ diese Kunst gar seicht begriffen wird.Demnach hätte die Scultura, durch diesen Fürwand/ viel vernünftiger die Wenigkeit ihrer Künstler entschuldigen können/ als daß sie hierinn einen Ruhm/ Praeeminenz und Vorzug suchet.

Hierbey ist auch anzumerken/ daß/ obgleich die Statuen und Bildniße der Scultura von mehr-schätzbarer Materi und Stoffe Mahlerey-Arbeit ist theurer/ als Statuen. sind/ als des Mahlers seine/ solche doch niemals um so hohen Wehrt/ als des Mahlers Arbeit/ verhandlet werden. Dann/ wann hat jemals eine geschnitzte oder gehauene Statue einigem Monarchen so viel gestanden/ als Alexandern dem Großen des Apelles Mahlerey? Wann ist einiges Künstlers oder Bildhauers Stuck um so viel tausend Cronen/ als wie so manches Gemälde/ bezahlet worden? Ob auch schon die Antichen dich/ die Scultura, in Gold/ meine Bildnus hingegen nur in Silber vorgebildet: so ist doch dardurch nur/ deine und deiner Künstlere Arroganz und vermeßener Hochmut/ entdecket worden.

Rechte Spalte

Wann auch in der Schwerigkeit/ wegen der Härte des Stoffs/ darinn die Bildhauer arbeiten/ ein Adel und Vorzug zu suchen/ so wird dieser Ruhm mehr die Steinbrecher/ so Die Schwerheit der Kunst besteht mehr in der Arbeit des Verstandes/ als der Hände. in den Gebirgen und Steinklüften sich härtiglich bemühen/ angehen/ und folglich ein plumper/ einäugig- und krummer Vulcanus einem köstlichen Gold-Künstler vorzuziehen seyn. Es ist aber weit gefehlet! weil alle Schwernis/ mehr nach der innerlichen Verstands als der äußerlichen Hand-Arbeit/ zu schätzen ist. Weil nun der Bildhauer/ allein das äußerliche Corpo auszuarbeiten/ sich bemühet/ der Kunstmahler aber/ auch die innere Passionen und Gemüts-Neigungen/ vorzu bilden schuldig ist: Als habe ich ja mehr/ als du Scultura, des Vorzug-Adels mich zu berühmen.

Es vergnüget sich auch der Bildhauer/ wann er die Länge nach dem Richtscheit/ die Mahlerey erfodert weit mehr Stücke/ als die Scultur. Höhe nach dem Senkel/ und die Winkel nach dem Winkelmaß/ gerichtet hat. Bey dem Mahler aber wird nicht allein dieses/ sondern über das noch erfordert/ die Erkantnis der Prospettive, die Vertheilung vieler Personen/ Thiere und anderer Sachen/ die in sein Gemälde kommen/ die Erhöh- und Tieffung der Farben/ die Vergrößer- und Verkleinerung der Figuren nach den Distanzen: Da dann tausendmal mehr Irrsalen/ als in einer Statue, können begangen werden.Dem Bildhauer ist genug/ wann er der Gestalt und Gesichter Wissenschaft hat/ auch die Glieder auszuarbeiten und vorzubilden weiß.Dem Mahler hingegen liget ob/ überdiß auch alle unbetastliche Leiber zu entwerfen/ und die Optica, worinn aller natürlichen Dinge Schatten/ und deren Widerschein begriffen/ gründlich zu wissen/ auch die Farben zu temperiren und zu brechen/ alles zu erheben und zu rundiren/ was an sich selbst nur ein flache Tafel ist/ durch seine Kunst/ alles nach seiner Eigenschaft zu exprimiren/ auszutheilen/ und jedes Bild mit seiner nohtwendigen Farbe/ deren doch viel tausend sind/ zu entwerffen. Man betrachte nur die Blumen des Felds/ die unterschiedliche Blüten der Bäume/ auch alle Dinge in der Luft/ im Meer/ in Bergwerken: und nach solchem allen/ ist doch das Ende meiner Farben-Mänge noch weit nicht erlanget. Und gleichwol habe ich/ in allem diesem/ meine Scholaren zu lehren und zu unterrichten.

Es mus zwar auch die Scultur, (ich gestehe es) in ihren Statuen/ die anständige Affecten/ Bewegungen und Gebärden vorstellen: aber solches geschihet weit unvollkommener/ dann in der Mahlerey. Dann über das alles/ was in Ausbildung der Gebärden/ des Bewegens der Gliedmaßen/ drohlichen Angesichtes/ erhebten und freyen Armes/ Der Mahler mus/ neben den Affecten, auch alle andere Umstände praesentiren. schnellflüchtigen Corpo, und andrem dergleichen/ beruhet/ mus ich/ die Pictura, durch gebürliche Abwechselung der Farben des Angesichts/